Theorie und Praxis

21 Nov

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Der Berufsbildungsbericht des sgv, der vom Gewerbekongress in Lugano 2010 einstimmig verabschiedet wurde, macht es klar: Bildungspolitik ist Kerngeschäft des grössten Dachverbandes der Schweizer Wirtschaft zusammen mit den angeschlossenen kantonalen Geweberverbänden und den rund 225 Berufsverbänden.

Weiter stellt der Bericht fest, dass die Erhaltung des dualen Berufsbildungssystems mit den Weiterbildungsmöglichkeiten in der praxisorientierten Höheren Berufsbildung und den Fachhochschulen im Vordergrund stehen muss. Spezielles Gewicht legt der sgv auf die Umsetzung des verfassungsmässigen Anspruchs auf Anerkennung der Gleichwertigkeit der verschiedenen Bildungswege. Das bedeutet insbesondere die Gleichbehandlung von akademischer und beruflicher Weiterbildung und daraus folgend der Realisierungsschritte in der Praxis.

Dabei legt der sgv sein Augenmerk auf die Betrachtung des Gesamtsystems. Folgerichtig hat er deshalb von der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz EDK verlangt, dass in einem zukünftigen Lehrstellen-Commitment zwingend auch Verpflichtungen der EDK zur Frage der Höheren Berufsbildung eingegangen werden müssen, namentlich auch hinsichtlich einer gleichwertigen Finanzierung im Vergleich zum akademischen Bildungsweg. Es entspricht grauer Theorie, wenn man heute noch davon ausgeht, Jugendliche würden sich nicht schon zum Zeitpunkt ihrer Lehrstellenwahl nicht auch Gedanken über ihre Weiterbildungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Chancen machen. Die Frage, ob sich gut qualifizierte Jugendliche für eine Lehrstelle finden lassen, hängt somit direkt von der Attraktivität der Höheren Berufsbildung ab und entscheidet damit auch, ob ein Ziel von 95 Prozent erfolgreichen Lehrabschlüssen realistischerweise erreicht werden kann.

Diese Stossrichtung ist umso wichtiger, als der theoretische Think Tank Avenir Suisse in beamtenhafter Manier unablässig sein Mantra verkündet, die Berufslehre dürfe nicht verabsolutiert werden. In der KGV-Zeitschrift «Zürcher Wirtschaft» standen so intellektuell gestelzte Verkündigungen wie «Avenir Suisse denkt die Berufslehre weiter» oder die «Lehre muss weiterentwickelt werden». Selbstverständlich fehlt auch der Ruf nach einem «dualen Studium» und einer «Lehre auf Tertiärniveau» nicht, womit einmal mehr die elitären Forderungen der Akademien der Wissenschaften aufgewärmt werden.

Wer die Praxis in den Berufsverbänden kennt, der weiss, dass sich an Bildungspolitik interessierte Unternehmerinnen und Unternehmer seit Jahr und Tag für die Weiterentwicklung «ihres» Berufsnachwuchses milizmässig – also fernab von grossen Entschädigungen – einsetzen. Nicht Theorie und Studien sind da gefragt, sondern das Ausrichten der Berufsbilder einer Branche auf die Bedürfnisse des entsprechenden Arbeitsmarktes in der Praxis. Genau diese Praxis spiegelt sich aber auch neben den grossen bildungspolitischen Würfen. So bedeutet Gleichbehandlung von beruflicher und akademischer Bildung auch, dass die SBB nicht nur Studierenden an Universitäten, Fachhochschulen und Höheren Fachschulen eine Vergünstigung ermöglichen, sondern auch jungen Berufsleuten, die sich auf eine Berufsprüfung oder Höhere Fachprüfung vorbereiten und deswegen pendeln müssen. Der sgv unterstützt deshalb einen Vorstoss von SP-Nationalrat Jacques-André Maire, ehemaliger Berufsbildungsamtschef des Kantons Neuenburg, der im Frühling dieses Jahres das Anliegen aufgenommen hat. Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur hat zugestimmt, zeigt damit Praxisbezug und hebt sich von theoretischen Schöngeistern wohltuend ab. Immerhin schliessen jährlich gleich viele Personen eine berufliche Weiterbildung ab, wie Studierende einen Hochschulabschluss erlangen.

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