Die Geister, die ich rief…

22 Nov

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Und wieder einmal geistert es herum und macht die Runde. Die Rede ist vom Gespenst der Deindustrialisierung. Heute soll es aus Anlass der Lehrstellenkonferenz des Bundes in Martigny diskutiert werden. Dabei wird der Anspruch erhoben, dass man gestützt auf eine rudimentäre Diskussion – es stehen gerade mal zwei Stunden zur Verfügung – Massnahmen beschliessen will, um «Unternehmen aller Branchen bedarfsgerecht mit geeigneten Fachkräften zu versorgen».

Mit Blick auf die Zahlen reibt man sich verwundert die Augen: In den 1970-er Jahren existierten ungefähr 90 000 Betriebe mit 1,8 Millionen Beschäftigten im industriellen Sektor. Diese Zahl reduzierte sich bis 2005 drastisch auf etwa 70 000 Unternehmen mit 900 000 Beschäftigten. Heute existieren im 2. Sektor etwa 75 000 Betriebe mit 1,1 Millionen Beschäftigten. Ein Drittel des Schweizer Bruttoinlandprodukts stammt überdies aus der Industrie und dem verarbeitenden Gewerbe, man könnte fast von einer Reindustrialisierung sprechen.

Zum gleichen – vielleicht überraschenden – Befund kommen Zahlen des World Economic Forum in seinem Global Competitiveness Report. Mit 100 Milliarden Dollar Industrieproduktion (2010) figuriert die Schweiz nur an 19. Stelle. Bei dieser Wertung führt China als «Werkbank der Welt». Ein anderes Bild zeigt sich bei der Industrieproduktion pro Kopf. China mit seinen 1,3 Milliarden Menschen erzielt pro Einwohner nur 1500 Dollar in der Industrie. Von den anderen führenden Industrienationen erarbeiten Deutschland mit 7700 das Fünffache und die USA mit 6000 Dollar das Vierfache; sogar das vermeintlich desindustrialisierte Grossbritannien, die Wiege der Industriellen Revolution, erreicht mit 4000 Dollar immer noch fast das Dreifache der Chinesen. An der Spitze dieser Wertung steht mit grossem Abstand die Schweiz: Mit 12 400 Dollar pro Kopf schafft sie in der Industrie achtmal so viel Wert wie die Chinesen und doppelt so viel wie die USA.

Zurück zur Berufsbildung. Es muss die Frage gestellt werden, ob zuständigen Ortes die Zeichen der Zeit erkannt woden sind und die Deindustrialisierung tatsächlich ein Problem darstellt. Zunächst drängt sich heute zwingend eine Gesamtsicht für das bildungspolitische System auf – und da lässt sich die Grundbildung nicht mehr von der Höheren Berufsbildung HBB trennen. Seit zehn Jahren drückt die ungelöste Finanzierung der HBB die KMU-Wirtschaft. Der Stellenwert der HBB wird völlig verkannt und es fehlt offenbar der politische Wille zur Verbesserung.

Schon vor drei Jahren hat der sgv angeregt, dass diese Thematik an der Lehrstellenkonferenz diskutiert wird. Begnügt hat man sich damals mit einer Problemschilderung zum Qualifikationsrahmen «Grundbildung und berufliche Weiterbildung im internationalen Quervergleich»… Auch wenn die Beamten der Avenir Suisse jede Studie dazu missbrauchen, um die ihnen missliebige Berufsbildung anzuschwärzen wie jüngst in der Untersuchung zum Mittelstand, so ist doch eines klar: Die KMU sind und bleiben das Rückgrat der Volkswirtschaft. Dank dieser Leistungskraft garantieren sie zwei Drittel der Arbeitsplätze und rund 70 Prozent aller Lehrstellen in der Schweiz. Dazu sind sie aber auf Fachkräfte angewiesen, die ihr solides Know-how vornehmlich auf eine qualifizierte Berufsbildung mit anschliessender Höherer Berufsbildung abstützen. Deshalb kämpft der sgv auch weiterhin dezidiert für eine verstärkte Finanzierung.

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