Fragen, nichts als Fragen…

4 Dez

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Gerade mal zwei Wochen ist es her, seit ich kritisch auf die verfehlte Thematik der Lehrstellenkonferenz des Bundes hingewiesen habe. Lieber wird über Deindustrialisierung im Lehrlingswesen diskutiert (was versteht man überhaupt darunter?), als sich den wirklich drängenden Problemen zuzuwenden. Dringend ist allerdings die seit zehn Jahren ungelöste Finanzierung der Höheren Berufsbildung HBB.

Mit der Organisation des neuen Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hätte sich eine ausgezeichnete Chance geboten, um vergangene Probleme auf die Seite zu legen und auf einer neuen Vertrauensbasis aufzubauen. Der sgv ist dafür unverändert bereit – bekanntlich braucht es aber immer beide Seiten. Ebenso dezidiert verlangt der sgv gleichzeitig die Respektierung der Bedürfnisse unserer Top-Berufsleute aus der Höheren Berufsbildung.

Politisch bedeutet dies zunächst, auch im EVD zur Kenntnis zu nehmen, dass gemäss Definition der Erziehungsdirektorenkonferenz die HBB, d.h. Höhere Fachschulen sowie Berufs- und Höhere Fachprüfungen, zusammen mit Fachhochschulen und Universitäten integral als Tertiärstufe gelten. Sodann sieht unsere Bundesverfassung in Artikel 61a, Absatz 3 vor, dass sich Bund und Kantone bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dafür einsetzen, allgemeinbildende und berufsbezogene Bildungswege als gleichwertig zu behandeln.

Da stellt sich doch mit Verlaub die Frage an den Bundesrat, weshalb diese Logik in der Organisation des neuen Bildungsdepartementes nicht übernommen werden soll? Wie will der Bundesrat den Eindruck korrigieren, wonach mit der Untergewichtung der HBB in der Organisation des Bildungsdepartementes unsere Top-Berufsleute im Stich gelassen werden? Und wir sprechen hier immerhin von Abschlüssen wie Marketingleiterin, Wirtschaftsprüfer, Baumeister, Steuerexpertin, Schreinermeister, Treuhänder, etc. etc. – die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Laut Aussagen des Bundesrates soll der organisatorische Stellenwert der HBB im neuen Bildungsdepartment noch geklärt werden. Auch mit nur wenig unternehmerischem Denkvermögen ist klar, dass ständige Reorganisationen in einem Betrieb Gift sind und – namentlich nach einer Fusion – zu unnötiger Unruhe unter dem Personal führen. Welche Nachteile sind mit Blick auf das Personal aus einer späteren Reorganisation zu erwarten und welche Kostenfolgen werden dafür veranschlagt?

Eigentlich müsste es zu denken geben, wenn sich der Präsident der Dachgewerkschaft Travailsuisse, Martin Flügel, im «Sonntags-Blick» mit den Worten zitieren lässt, die HBB sei «die entscheidende Karrieremöglichkeit für alle, die eine Lehre machen. Sie bietet den jungen Leuten genauso gute Perspektiven wie ein Studium», um dann mit dem Vorwurf an die Adresse des Bundesrates mit «mangelndem Respekt gegenüber der HBB» fortzufahren. Wenn sich zwei politisch so unterschiedliche Lager wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Dachverbände in einer Sache so einig sind, dann sollte die Erkenntnis reifen, dass an dieser Sache wohl etwas dran ist…

Letztlich stellt sich die Frage, ob sich der Bundesrat bewusst ist, dass er mit der krassen Unterbewertung der HBB im neuen Bildungsdepartement langfristig riskiert, einen für die KMU-Wirtschaft unerlässlichen Bildungsweg aufzugeben? Dadurch würde ein wichtiger Standortvorteil unseres Landes verspielt. Das dürfte wohl kaum die Absicht sein, aber für einmal gilt – um es in den Worten des Philosophen Friedrich Hegel auszudrücken: «Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.»

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