Zerrbild Multis

2 Jul

Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Vor einigen Tagen machte in der Wirtschaftspresse die Schlagzeile die Runde, wonach die Schweiz nicht als KMU-dominierte Wirtschaft bezeichnet werden könne, wie das gerne getan werde. Die Autoren und Absender – beide mit einem langjährigen Berufshintergrund im Umfeld von Grosskonzernen – veröffentlichten unter dem Titel «Multis: Zerrbild und Wirklichkeit» ein Diskussionspapier, das auf ein erhebliches Gewicht der Multis im volkswirtschaftlichen Gefüge der Schweiz hinweise.

Für den Schweizerischen Gewerbeverband sgv als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft ist es eine Binsenwahrheit, dass die multinationalen Unternehmen in unserem Land und für unser Land wichtig sind. Warum diese Selbstverständlichkeit ausgerechnet zum heutigen Zeitpunkt diskutiert werden muss, ist deshalb nicht nachvollziehbar; die Autoren schweigen sich dazu aus. Als Interessensorganisation insbesondere der KMU-Wirtschaft sind wir es zudem gewohnt, in unsere Überlegungen ebenso die Ansprüche etwa der Grosskonzerne, der Exportbetriebe oder des Finanzplatzes mit einfliessen zu lassen und aus einer gesamtheitlichen Verantwortung heraus Politik zu machen. Diesen Anspruch lässt das Papier von Avenir Suisse leider vermissen, es fällt vielmehr auf durch unzulässige Schlussfolgerungen und ökonomische Fehlschlüsse.

Gravierender ist hingegen der Eindruck, wonach hier ein Keil zwischen die KMU-Wirtschaft und die Grossbetriebe geschlagen werden soll. Dies bewirkt einen äusserst schalen Nachgeschmack. Angesichts der Vernetzung unserer Wirtschaft und der gegenseitigen Abhängigkeiten von Gross und Klein wäre dies ein verheerendes Unterfangen. Insbesondere auch in einer kleinen Volkswirtschaft, die ihre Erfolge ihrer Offenheit gegenüber dem Ausland und den hohen Exportraten verdankt. Letzteres nicht zuletzt auch deshalb, weil wir über ein hervorragendes duales Bildungssystem verfügen. Ist es Zufall, dass auch diese bildungspolitische Errungenschaft von Avenir Suisse seit Jahren bestritten wird und deren Exponenten alles daranzusetzen scheinen, einen gefährlichen, KMU-schädigenden Systemumbau zu erzwingen?

Die Schweiz darf in aller Bescheidenheit als Erfolgsmodell bezeichnet werden. Vor dem Hintergrund der nach wie vor unbewältigten Finanz- und Schuldenkrise in Europa sind wir hervorragend positioniert. Gemäss dem IMD Lausanne steht unsere Wirtschaft international hinter den USA auf dem zweiten Rang in Bezug auf Wettbewerbsfähigkeit. Das Seco schätzt unser Wirtschaftswachstum für dieses Jahr auf 1,5 Prozent und prognostiziert für nächstes Jahr 2 Prozent. Zudem haben wir Vollbeschäftigung und keine Jugendarbeitslosigkeit – dies im Gegensatz zu europäischen Ländern, wo mehr als die Hälfte der Jugendlichen auf der Strasse steht und dieser unhaltbare Zustand sozialpolitischer Sprengstoff erster Güte ist.

Das Erfolgsmodell macht offenbar übermütig, führt zu sozialistischen Umverteilungsansprüchen der Linken und steht politisch insgesamt auf dem Prüfstand. Mit der bevorstehenden Abstimmung zur 1:12-Initiative, der Mindestlohn-Initiative, der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen, der Abschaffung der Pauschalbesteuerung oder auch der Erbschaftssteuer­-Initiative ist eine ganze Wagenladung an Projekten unterwegs, die unser Erfolgsmodell dramatisch gefährden und teilweise gar irreparabel beschädigen. So gesehen ist der Think Tank Avenir Suisse zum ernsthaften Nachdenken aufgerufen. Gefragt und erwartet sind fundierte Analysen, die nicht Vorurteile und die Hobbys einzelner Autoren bewirtschaften, sondern einen echten Beitrag zur gemeinsamen Weiterentwicklung unseres Erfolgsmodells Schweiz zu leisten vermögen. Die Reihen sind zu schliessen: Seiner jahrzehntelangen Tradition folgend bietet der Schweizerische Gewerbeverband sgv dazu jederzeit Hand.

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