Archiv | August, 2018

Absolute Wahrheit gibt es nur in der Philosophie

24 Aug

Stephan Loeb, Verantwortlicher E-Communication Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Am 23. September stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über die «Fair-Food»-Initiative und die Initiative «für Ernährungssouveränität», die sogenannten Agrar-Initiativen, ab. Alle im Rahmen von Pro- oder Contra-Kampagnen involvierten Kräfte versuchen, ihre Kernargumente den Ziel­gruppen möglichst überzeugend zu vermitteln. Dazu stehen verschiedenste Instrumente zur Verfügung: Von Anlässen wie der Medienkonferenz über das Kampagnen­material (Argumentarium, Flyer, Inserate, Plakate) bis hin zu den Aktivitäten online, welche in der jüngeren Vergangenheit massiv an Bedeutung gewonnen haben.

Es ist bedenklich, wie rasch einzelne politische Akteure den Ausdruck „fake news“ in den Mund nehmen. In der Regel geschieht dies dann, wenn man feststellen muss, dass der politische Kontrahent gute und überzeugende Argumente hat, welche man nicht mit besseren Gegenargumenten kontern kann. Dann wird halt zur Diskreditierungskeule gegriffen. | Le penseur von Auguste Rodin. Quelle: Fotolia

Wichtig ist, dass man für seine Kampagne drei, vier Kernargumente festlegt, von denen man weiss, dass sie eine starke Überzeugungskraft haben. Wenn man diese für die Massnahmen online in der Form eines Comics mit vier Bildern auf seiner Facebook-Seite abbildet, dann ist es ganz normal, dass die entsprechenden Argumente überzeichnet werden. Dies machen alle involvierten Parteien und Organisationen, von ganz links bis ganz rechts. So zu tun, als würde man dem Stimmvolk die absolute Wahrheit erzählen, ist einfach nur heuchlerisch, denn diese gibt es in der politischen Kommunikation schlichtweg nicht.

Im Zusammenhang mit den Agrar-Initiativen, über welche wir am 23. September abstimmen, gibt es jedoch einige offensichtliche Sachverhalte:

  • «Fair-Food»-Initiative: Die Initiative verlangt, dass in der Verfassung verankert wird, wie Lebensmittel produziert werden («fair, nachhaltig und tierfreundlich»). Importierte Lebensmittel müssen Schweizer Standards erfüllen.
  • Initiative «für Ermährungssouveränität»: Die Initiative will die Schweizer Landwirtschaftspolitik planwirtschaftlich reorganisieren: Der Staat soll in die Preisbildung eingreifen und den Bauern ein höheres Einkommen sichern.
  • In der Summe haben die Agrar-Initiativen bei einer Annahme einige absehbare Folgen:
    • Um die ganzen Vorschriften zu überprüfen braucht es einen grossen und teuren zusätzlichen Kontrollapparat. Die Kosten für diese vorsätzlich geschaffene Bürokratie werden letztlich die Konsumentinnen und die Konsumenten in Form von deutlich höheren Lebensmittelpreisen tragen müssen.
    • Die Auswahl an Lebensmitteln wird erheblich kleiner, da der Import verboten werden kann, sofern die definierten Standards nicht erfüllt werden. Die Schweizerinnen und Schweizer werden staatlich bevormundet, wie sie sich zu ernähren haben.
    • Die markant höheren Lebensmittelpreise in der Schweiz werden den Einkaufstourismus befeuern; dies trifft zuerst den Schweizer Detailhandel, letztlich aber auch die zuliefernde Landwirtschaft.
    • Beide Volksinitiativen schaffen neue Handelshemmnisse und verletzen damit internationales Handelsrecht.

Die beiden Agrar-Initiativen sind aus den genannten Gründen äusserst gefährlich und würden der gesamten Schweiz grossen Schaden zufügen. Daher sind diese am 23. September klar abzulehnen.

LINKS

www.agrarinitiativen-nein.ch
www.facebook.com/sgvusam

Digitalisierung – Hype und Trend

6 Aug

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Das Wort Hype kommt von Hyperbole, Übertreibung. Trend bezeichnet hingegen eine Entwicklung. Die Digitalisierung ist ein realer Trend. Doch was die Politik und einige Medien damit tun, ist Hype, also pure Über­treibung. Der Digitalisierungstrend findet nämlich schon seit mindestens fünf Jahrzehnten statt.

Man kann beliebig wählen, wann die Digitalisierung angefangen hat: Automatische Dreh- und Fräsmaschinen, Bancomaten, der PC zu Hause, das Internet, usw. – alles das wurde noch im letzten Jahrtausend in die Häuser und Büros gebracht. Es kam weder zu Komforteinbussen noch zu Massenarbeitslosigkeit.

Positiver Trend

Das Gegenteil ist der Fall: Der Trend des Digitalen hat das Leben viel einfacher und in mehreren Aspekten auch noch spannender gemacht. Vor allem haben jene Entwicklungen es erlaubt, dass viel mehr Leute sich technische Güter oder Dienstleistungen gönnen konnten – Boiler, Kühl­schrank, Fernseher, Telefon, Videospiele unter anderem.

Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Eine von oben staatlich verordnete Digitalisierung verliert ihre innovative Kraft.

Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Eine von oben staatlich verordnete Digitalisierung verliert ihre innovative Kraft.

Auch in der Wirtschaftswelt findet Digitalisierung seit spätestens den 1970er Jahren statt. Und auch hier: statt nur Jobs zu vernichten, wurden per Saldo viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Und nein, es sind nicht alle Programmiererinnen geworden. Trotz PC und Internet gibt es Büro­ange­stellte; es gibt sogar mehr noch als es sie früher gab. Nur heute haben sie andere Aufgaben. Und auch Mechanikerinnen gibt es noch. Digitalisierung und Automatisierung haben die Aufgabengebiete geändert, aber nicht die Aufgabe als solche vernichtet.

Die wichtigste Erkenntnis dabei ist: Die Digitalisierung, die im letzten Jahrtausend begann, fand ihren Einzug in das Wirtschafts- und Privatleben ohne staatlichen Plan. Noch pointierter ausgedrückt: Der Trend hat sich nur positiv ausgewirkt, weil er nicht geplant oder gesteuert war. Denn die einzelnen Personen oder Unternehmen haben dann die Möglichkeiten der Digitalisierung aufgenommen, als genügend Geld und Wissen vorhanden und die Zeit gekommen war, um zu investieren.

Falscher Hype

Was heute stattfindet, ist genau das Gegenteil. Die Politik fühlt sich ver­pflichtet, die Digitalisierung wahlweise zu forcieren oder abzumildern. Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Wenn die Politik ihre Vorstellungen der Digitalisierung von oben befiehlt, verliert das Digitale seine innovative Kraft.

Es wird unter anderem gesagt, die KMU in der Schweiz hätten keine Digita­li­sierungs­strategie. Das ist doch gut so. Denn eine Firma, die alleine auf Digitalisierung setzt, hat die Rechnung vermutlich ohne Kunden gemacht. Wichtig ist, dass KMU eine allgemeine Unternehmensstrategie haben. Bei der Frage, welche Produkte sie zu welchen Preisen und nach welchen Investitionen anbieten, können sie das Digitale einbeziehen.

Wichtig ist, dass KMU zunehmend digitale Elemente in ihre Geschäfts­modelle aufnehmen. Das kann ruhig in den übrigen Produkt- und Investitionszyklen geschehen. Denn Digitalisierung ist ja als Trend eine Entwicklung. Sie soll kein kurzfristiger Hype sein, denn Übertreibungen verleiten immer zu Falschinvestitionen.

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