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Divergenzen an der Klimakonferenz

14 Dez

Henrique Schneider, Stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Es ist immer so: gegen Ende der Klimakonferenz erreichen die Verhandlungen einen Stillstand. Die Differenzen scheinen unüberbrückbar. Das ist gerade jetzt der Fall in Katowice. Meist wird eine Pause eingelegt, bis dann am Ende ein Kompromiss gefunden wird – vermutlich am Samstag oder am Sonntag. Was sind die Probleme, die diesmal, wie immer, unüberwindbar erscheinen?

  • Schon seit langem steht die Frage im Raum, wie man Klimaziele vergleicht. Denn die entsprechenden Länder haben sich ganz unterscheidliche Ziele gegeben. Einige haben sich absolute Reduktionsziele in Tonnen CO 2 gegeben, andere formulieren diese Ziele im Anteil des CO2 am Bruttoinlandprodunkt, andere wiederum haben verschiedene Gase einbezogen, es gibt Länder mit sektoriellen Zielen und solchen mit Massnahmezielen (, was auch immer das sein kann). Eine Übersicht über diese Gemengelage gibt die Schweizerische Gewerbezeitung im Artikel «Verschieden Wege zum Ziel»
  • Neu hingegen ist die Frage, wie mit den Berichten des International Panel on Climate Change IPCC umzugehen ist. Bisher haben Klimakonferenzen die wissenschaftliche Diskussion, die in diesen Berichten zusammengefasst wird, zur Kenntnis genommen. Einige Länder wollten sie nun beachten, andere willkommen heissen, und andere wiederum nicht nennen. Katowice schien fast, an dieser Entzweiung zu Grunde zu gehen. Zwei Minister wurden damit beauftragt, einen Kompromiss vorzuschlagen.
  • Alt und konstant sind die Forderungen der sich entwickelnden Ländern nach grosszügigen Finanz- und Technologietransfers. Über 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr sind ihrer Meinung nach nicht genug. Sie brauchen mehr Geld, um was sie «just transition (etwa: klimagerechte Transformation der Wirtschaft)» nennen zu bewerkstelligen.
  • Und dann verbleiben haufenweise technische Fragen zu allem Möglichen: Märkte, Buchhaltung, Technologie, Organisation der Konferenz, Gender, usw.

Anbei ist der momentane Gesamttext der Konferenz auf über 100 Seiten und mit über 800 Anträgen. Was da herauskommt, ist offen. Sicher ist nur: Ein Ergebnis wird es geben. Denn nach dem Freitag kommen die Kompromissverhandlungen. Es ist immer so.

LINK
Gesamttext der UNCCC in Katowice Stand 14.12.2018 (PDF)

Ergebnisse an der Klimakonferenz

13 Dez

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Es ist zu früh. Vor Samstag sind keine definitiven Ergebnisse aus Katowice, Polen, zu erwarten. Trotzdem zeichnen sich schon jetzt einige Ergebnisse ab. Falls nichts Unerwartetes passiert.

Das Übereinkommen von Paris hat einen Artikel 6; dort ist die internationale Kooperation vorgesehen. Natürlich gibt es verschiedene Formen der Kooperation, aber was der Artikel 6 wirklich meint, sind Instrumente für Zertifikate.

Der Mechanismus ist im Grund einfach. Im Land X wird eine Tonne CO2 reduziert. Nun kann sich das Land X dafür entscheiden, diese Emissions­reduktion als eigene Leistung zu zählen. Das ist eine inländische Sache. Doch Land X könnte auch, die selbst erbrachte Reduktionsleistung, dem Land Y zu übertragen. D.h. Land X könnte nicht sagen, dass es um diese Tonne den CO2 Ausstoss reduziert hat. Land Y hingegen, kann die von X erhaltene Tonne anrechnen lassen. Das Gleiche gilt, wenn Land X eine reduzierte Tonne dem Land Z verkaufen würde.

Artikel 6 des Übereinkommens von Paris regelt die internationale Kooperation. Konkret gemeint sind damit Instrumente für Zertifikate für die Übertragung von bzw. den Handel mit Emissionen. Zentral ist dabei die Buchhaltung, so dass es zu keinen Doppelzählungen kommt.

Gerade diese Fälle – internationale Übertragung von Emissionsreduktionen und internationaler Verkauf von Emissionsreduktionen – werden im Artikel 6 behandelt. Wichtig ist dabei, dass die Buchhaltung stimmt. Es wäre falsch, wenn sich alle drei Länder die gleiche Tonne anrechnen liessen. Eine Tonne reduzierten CO2 Ausstosses darf nur einmal zählen und buchhalterisch verwendet werden.

So einfach dieses Prinzip ist, so stark differieren die Vorstellungen zu seiner Umsetzung. Schon seit 2012 wird darüber gestritten, wie diese CO2-Buchhaltung aussehen muss, um keine Doppelzählung zu erlauben. Ganz lange sah es danach aus, als ob es nie zu Ergebnissen kommen würde.

Nun hat die polnische Präsidentschaft der Klimakonferenz etwas Neues gewagt. Aus den vielen Diskussionen der Verhandlungen wurden Umsetzungspapiere zusammengestellt. Sie enthalten das wenige, worauf man sich einigen konnte. Sie enthalten auch Varianten. Nun können sich die Verhandlerinnen und Verhandler dazu äussern, in einem Vernehmlassungs­verfahren quasi. Dann wird die Präsidentschaft die Regeln nochmals durch strählen und einen letzten Entwurf vorstellen.

Wer die Schweizer Demokratie kennt, wundert sich: Diese Vorgehensweise ist nicht nur neu in Klimaverhandlungen. Sondern zum ersten Mal steht in der Marktdiskussion ein handfestes Papier vor. Wer sich nun fragt, warum das überhaupt für die Schweiz wichtig ist: Internationale Kooperation ist heute schon ein Instrument und wird eines im neuen CO2 Gesetz bleiben. Dafür braucht es Rahmenbedingungen.

Die Dokumente zum jetzigen Stand der Verhandlungen zum Artikel 6 des Übereinkommens von Paris sind:
Guidance on cooperative approaches
Rules, modalities and procedures for the mechanism
Work programme under the framework on non-market approaches

Worum geht es in der Klimakonferenz?

7 Dez

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Die Klimakonferenz der Vereinten Nationen erreicht ihre erste Halbzeit. Noch sind keine Ergebnisse da. Doch die Verhandlungen laufen besser, als viele es erwartet haben.

UN Verhandlungen haben viele Besonderheiten. Die allererste ist der Zwang zum Konsens. Viele Länder interpretieren dies als Einstimmigkeit und setzen den Preis für ihre Zustimmung entsprechend hoch an. Was Klimakonferenzen aber besonders schwierig macht, ist eine Serie von sich widersprechenden Positionen: Den einen geht es um das Klima, den anderen um Geld; den einen geht es um die Eindämmung des Klima­wandels, den anderen darum, damit zu leben; den einen geht es um die Souveränität der einzelnen Ländern, den anderen um internationale Regeln.

Eine wirkungsvolle Klimapolitik setzt - wie vom Pariser Übereinkommen vorgesehen - ein flexibles und differenziertes Instrumentarium voraus. Wenn sich Bundesbern nun in der Klimapolitik auf Regeln und Vorschriften fokussiert, so ist dies ein Spiel mit dem Feuer zulasten der Umwelt. Der grösste Wirtschaftsdachverband der Schweiz lehnt diese Einseitigkeit ab und fordert eine Absage an die allgemeine Erhöhung des Abgabesatzes, die Vereinfachung und Verbreitung der Programme zur Erhöhung der Energieeffizienz sowie die Zulassung von Marktmechanismen im In- und Ausland.
Von grosser Bedeutung ist an der Klimakonferenz die sogenannte CO2-Buchhaltung. Der Haken daran: Diese Methode setzt voraus, dass alle Länder ihre Klimaziele in CO2-Tonnen (oder mindestens Äquivalente) setzen. Dies ist aber in der Realität keineswegs der Fall.

Das Übereinkommen von Paris im Jahr 2015 konnte diese Differenzen mit einer Serie von Kompensationen ausgleichen. Doch 2018 in Katowice, Polen, geht es um die Umsetzung von Paris. Dafür müssen die Verhand­lungs­parteien stärker in die Details einsteigen – und damit zurück in die sich widersprechenden Positionen.

Ein alles entscheidendes Detail ist die sogenannte CO2-Buchhaltung. Wie werden die Tonnen CO2 erfasst und abgerechnet? Kaufleute werden sich an den Kopf langen. Dieses Problem wurde doch schon im 15. Jahrhundert mit der doppelten Buchhaltung gelöst: Man macht ein Inventar. Man zieht ab, was man reduzieren konnte. Man zählt neue Emissionen dazu. Man schliesst das Konto ab. Und siehe da: Einige Länder schlagen das auch so vor.

Der Haken daran ist: Diese Methode setzt voraus, dass alle Länder ihre Klimaziele in CO2-Tonnen (oder mindestens Äquivalente) setzen. Doch das ist weit von der Realität. Einige Länder haben ein Klimaziel, das in CO2-Intensität lautet. Das heisst, wie viele Tonnen CO2 entfallen auf einen Franken des Bruttoinlandprodukts. Andere Länder haben allgemeine, qualitativ-formulierte Umweltziele und andere wiederum legen Ziele pro Wirtschaftssektor fest. Also schon auf dieser Ebene ist eine doppelte Buchhaltung schwer umzusetzen.

Dann gibt es noch weitere Probleme. Es gibt in keinem Land eine lücken­lose Überwachung aller Maschinen, Heizungen, Wälder, Tiere, Autos, und vieler anderen CO2-Quellen. Doch genau das braucht die doppelte Buch­haltung. Sie geht ja von lückenlosen Transaktionslisten aus – Journal und Hauptbuch genannt.

In der Klimakonferenz verhandeln die Länder die Modalitäten der CO2-Buchhaltung unter dem Übereinkommen von Paris. Sie ist die notwendige Bedingung für das Funktionieren des globalen Klimaregimes. Erst auf dieser Grundlage könne die anderen Themen wirksam besprochen werden.

Ergebnisse werden nächste Woche erwartet. Manch skeptische Stimme konzediert, dass es Ergebnisse geben wird – und warnt vor deren Qualität.

LINK
UN Climate Change Conference – Katowice December 2018

Ambition an der Klimakonferenz

6 Dez

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

In Katowice, Polen, hat die diesjährige Klimakonferenz angefangen. Sie ist voller Ambition. Natürlich will sie das Klima retten. Doch sie will auch das Übereinkommen von Paris operationell machen. Es ist nicht klar, welche Aufgabe schwieriger ist.

Zur Klarstellung: Die Vereinten Nationen UN organisieren jährlich eine Klimakonferenz. Im Jahr 2015 in Paris kamen die Länder darin überein, dass sich alle im Klimaschutz anstrengen müssen. Das ist einmalig. Denn bis «Paris» hatten nur die sogenannten Industrieländer Klimaziele; die sogenannten Entwicklungsländer hatten sie nicht. «Paris» hat das Spiel globalisiert. Jedes Land soll selbstständig Klimaziele setzen und sie international bekannt geben. Mehr noch: Auch das Erreichen dieser Ziele wird international kommuniziert.

Die klimapolitischen Schwerpunkte der Wirtschaft: Klimaziele müssen klar und messbar sein und auf die Besonderheiten der Länder Rücksicht nehmen; Massnahmen und Instrumente müssen klimawirksam, einfach und ohne Steuern einsetzbar sein; und die Anspruchsgruppen aus Wirtschaft und Gesellschaft sind einzubeziehen.
Die klimapolitischen Schwerpunkte der Wirtschaft: Klimaziele müssen klar und messbar sein und auf die Besonderheiten der Länder Rücksicht nehmen; Massnahmen und Instrumente müssen klimawirksam, einfach und ohne Steuern einsetzbar sein; und die Anspruchsgruppen aus Wirtschaft und Gesellschaft sind einzubeziehen.

Weil das Klima bekanntlich global stattfindet, sieht das Übereinkommen von Paris internationale Kooperation vor. Sie erfolgt sowohl bezüglich CO2-Märkte als auch in der Finanzierung, Technologie, Bildung, Geschlechter­vertretung und so weiter. Das Übereinkommen sagt, dass es eine inter­nationale Zusammenarbeit gibt. Doch es sagt nichts dazu, wie sie zu erfolgen hat. Im Jahr 2018 geht es nun darum, die «Spielanleitung» (Fachbegriff: «Paris Rulebook») zu erarbeiten.

Zu Beginn der Konferenz lag nichts vor. Die Ansichten divergierten stark unter den Ländern. Nun müssen sie sich in zwei Wochen einigen. Einerseits gibt es Staaten, die möglichst viele Vorgaben unter der UN möchten. Andererseits gibt es solche, die lediglich Rahmenbedingungen wünschen, unter denen sie ihre jeweiligen Instrumente und Massnahmen umsetzen. Dazwischen gibt es unzähligen Nuancierungen der Positionen.

Zusammen mit den anderen KMU- und Industrieverbänden hat der sgv die Position der Wirtschaft erarbeitet. Ihre Schwerpunkte sind:

  • Klimaziele müssen klar und messbar sein; sie bilden die Besonder­heiten der einzelnen Länder ab.
  • Massnahmen und Instrumente müssen Klima-wirksam sein; sie müssen möglichst einfach zu bedienen, unbürokratisch und ohne Steuern einsetzbar sein.
  • Anspruchsgruppen aus Wirtschaft und Gesellschaft sind einzube­ziehen; sie sind Dialogpartner in der Festsetzung der Ziele und Massnahmen sowie in ihrer Umsetzung.

Das Positionspapier der Wirtschaft ist hier.

Wie geht es weiter? Vom Sonntag bis Mittwoch haben Ministerinnen und Minister ihre Reden geschwungen. Von jetzt an und bis zur nächsten Woche finden technische Verhandlungen statt. Danach kommt wieder die Politik, um die Ergebnisse zu produzieren. Hört sich einfach an? Ist sehr kompliziert. Vielleicht ist es sogar einfacher, ohne «Paris» das Klima zu retten.

LINKS
Business Engagement in Implementing National Climate Pledges & The Paris Agreement (PDF)
UN Climate Change Conference – Katowice December 2018

Digitalisierung – Hype und Trend

6 Aug

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Das Wort Hype kommt von Hyperbole, Übertreibung. Trend bezeichnet hingegen eine Entwicklung. Die Digitalisierung ist ein realer Trend. Doch was die Politik und einige Medien damit tun, ist Hype, also pure Über­treibung. Der Digitalisierungstrend findet nämlich schon seit mindestens fünf Jahrzehnten statt.

Man kann beliebig wählen, wann die Digitalisierung angefangen hat: Automatische Dreh- und Fräsmaschinen, Bancomaten, der PC zu Hause, das Internet, usw. – alles das wurde noch im letzten Jahrtausend in die Häuser und Büros gebracht. Es kam weder zu Komforteinbussen noch zu Massenarbeitslosigkeit.

Positiver Trend

Das Gegenteil ist der Fall: Der Trend des Digitalen hat das Leben viel einfacher und in mehreren Aspekten auch noch spannender gemacht. Vor allem haben jene Entwicklungen es erlaubt, dass viel mehr Leute sich technische Güter oder Dienstleistungen gönnen konnten – Boiler, Kühl­schrank, Fernseher, Telefon, Videospiele unter anderem.

Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Eine von oben staatlich verordnete Digitalisierung verliert ihre innovative Kraft.

Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Eine von oben staatlich verordnete Digitalisierung verliert ihre innovative Kraft.

Auch in der Wirtschaftswelt findet Digitalisierung seit spätestens den 1970er Jahren statt. Und auch hier: statt nur Jobs zu vernichten, wurden per Saldo viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Und nein, es sind nicht alle Programmiererinnen geworden. Trotz PC und Internet gibt es Büro­ange­stellte; es gibt sogar mehr noch als es sie früher gab. Nur heute haben sie andere Aufgaben. Und auch Mechanikerinnen gibt es noch. Digitalisierung und Automatisierung haben die Aufgabengebiete geändert, aber nicht die Aufgabe als solche vernichtet.

Die wichtigste Erkenntnis dabei ist: Die Digitalisierung, die im letzten Jahrtausend begann, fand ihren Einzug in das Wirtschafts- und Privatleben ohne staatlichen Plan. Noch pointierter ausgedrückt: Der Trend hat sich nur positiv ausgewirkt, weil er nicht geplant oder gesteuert war. Denn die einzelnen Personen oder Unternehmen haben dann die Möglichkeiten der Digitalisierung aufgenommen, als genügend Geld und Wissen vorhanden und die Zeit gekommen war, um zu investieren.

Falscher Hype

Was heute stattfindet, ist genau das Gegenteil. Die Politik fühlt sich ver­pflichtet, die Digitalisierung wahlweise zu forcieren oder abzumildern. Die Politik kann jedoch niemals wissen, welche Bedürfnisse die einzelnen Menschen oder Unternehmen haben und welches der bestmögliche Beitrag der Digitalisierung ist, um diese zu befriedigen. Wenn die Politik ihre Vorstellungen der Digitalisierung von oben befiehlt, verliert das Digitale seine innovative Kraft.

Es wird unter anderem gesagt, die KMU in der Schweiz hätten keine Digita­li­sierungs­strategie. Das ist doch gut so. Denn eine Firma, die alleine auf Digitalisierung setzt, hat die Rechnung vermutlich ohne Kunden gemacht. Wichtig ist, dass KMU eine allgemeine Unternehmensstrategie haben. Bei der Frage, welche Produkte sie zu welchen Preisen und nach welchen Investitionen anbieten, können sie das Digitale einbeziehen.

Wichtig ist, dass KMU zunehmend digitale Elemente in ihre Geschäfts­modelle aufnehmen. Das kann ruhig in den übrigen Produkt- und Investitionszyklen geschehen. Denn Digitalisierung ist ja als Trend eine Entwicklung. Sie soll kein kurzfristiger Hype sein, denn Übertreibungen verleiten immer zu Falschinvestitionen.

Fintech: Innovation statt Strukturen

26 Jul

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Am vergangenen Treffen der G-20 Finanzminister verlangte Bundesrat Ueli Maurer einen besonderen Fokus auf digitale Entwicklungen in der Finanz­branche. Wer so etwas sagt, denkt in Strukturen. Entscheidend sind sie aber nicht. Was zählt, ist die Innovation.

Fintech ist eine Art der Erbringung von Finanzdienstleistungen, welche in besonderem Masse Informationstechnologie IT einsetzt. Gestandene Banken können genauso Fintech sein, wie Jungunternehmerinnen, die den Zahlungsprozess mit einer App umkrempeln. Fintech kann sowohl bei bestehenden Finanzdienstleistern als auch bei Neugründungen von Firmen geschehen.

Der Erfolg der Fintech-Unternehmen lässt sich insbesondere an den folgenden vier Kriterien messen: Personalisierung der Kundenbeziehung, Schnelligkeit der Transaktion, Relevanz der Lösung und Vermeidung von Medienbrüchen.

Der Erfolg der Fintech-Unternehmen lässt sich insbesondere an den folgenden vier Kriterien messen: Personalisierung der Kundenbeziehung, Schnelligkeit der Transaktion, Relevanz der Lösung und Vermeidung von Medienbrüchen.

Sieht man von der strukturellen Perspektive auf Fintech ab – die Schweiz scheint zu sehr damit beschäftigt zu sein: Wie funktioniert Fintech? Und was macht den Erfolg von Fintech aus?

Aus der Perspektive der Innovation, kann Fintech vorwiegend an vier kombinierbaren Elementen arbeiten:

  • Daten: Fintech-Applikationen, die auf Daten fokussieren, bündeln Daten und legen sie kunden- oder anbietergerecht aus. Beispiele hierfür sind die berühmten Kryptowährungen, das automatisierte Handeln an der Börse oder das Robo-Advisory in der Vermögens­verwaltung.
  • Frontend: Hier geht es darum, die Kundenbeziehungen insgesamt zu vereinfachen. Einerseits können Kunden ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen und andererseits entfallen Transaktionskosten. Beispiele hierfür sind Plattformlösungen wie Crowdlending oder Zahlungs­abwicklungen.
  • Operationen: Das sind Fintech-Anwendungen, die hinter den Kulissen spielen. Bei ihnen wird IT eingesetzt, um Prozesse einfacher, günstiger und besser zu machen. Der altbekannte Bancomat gehört zu dieser Kategorie – dieses Beispiel zeigt im Übrigen, wie alt Fintech schon ist. Auch die online-Eröffnung eines Bankkontos gehört dazu.
  • Infrastruktur: Natürlich braucht Fintech eine ganze Reihe unter­stützender Infrastrukturen. Diese sind sowohl Hardware als auch Software. Es braucht beispielsweise neue Vernetzungskonzepte, um die wachsende Menge dezentraler Transaktionen zu bewältigen. Und es braucht auch Sicherheitskonzepte. Auch das gehört zu Fintech.

Der Erfolg der Fintech-Unternehmen lässt sich insbesondere an den folgenden vier Kriterien messen:

  • Personalisierung der Kundenbeziehung: Kunden empfinden die Betreuung als auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten.
  • Schnelligkeit der Transaktionen: Je schneller die Transaktion erledigt ist, desto besser.
  • Relevanz der angebotenen Lösung: Die Gegenseite muss die Fintech-Applikation als praktisch und situationsspezifisch optimal erleben.
  • Keine Medienbrüche: Was online/IT-gestützt angefangen hat, muss bis zuletzt online/IT-gestützt bleiben.

Und nun kann man sich fragen: Was ist neu an der ganzen Sache? Sind diese Elemente und Merkmale nicht ohnehin Teile eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses? Die Antwort ist: Ja. Warum Minister darüber nachdenken sollen – das ist vielmehr die Frage.

Fintech: Zwischen Innovation und Regulierung

24 Jul

Henrique Schneider, stv. Direktor Schweizeischer Gewerbeverband sgv

Schon wieder tourt eine Schweizer Delegation durch die Welt. Diesmal geht es nach Südamerika. Unter der Leitung von Bundesrat Ueli Maurer werden dort «Fintech»-Potenziale erkundet. So weit so gut. Aber: Was ist Fintech?

Fintech ist eine Art des Wirtschaftens. Es geht darum, mit Hilfe der Infor­mations­technologie IT die Wertschöpfung in den Finanzdienstleitungen zu erhöhen. Das kann geschehen, weil die IT erlaubt, bestehende Wert­schöpfungs­schritte schneller, besser oder hochwertiger zu machen. Es kann auch passieren, weil mittels IT sogenannte Netz­werkeffekte in den Finanzdienstlistungen genutzt werden. Es kann freilich auch sein, dass mit IT neue Geschäftsfelder erschlossen werden.

Beispiele für Fintech sind: Nicht-bankliche Zahlungsfunktionen, auto­ma­tisierte Kundenberatung, Plattformen für dezentrale Investititionen, Kryptowährungen und vieles mehr. Fintech ist also keine Branche, keine Technologie, geschweige denn eine «neue Wirtschaft». Sie ist lediglich die IT-gestützte Weiterentwicklung der Finanz­dienstleistungen.

Weltweites Wettrennen mit Abstrichen

Weltweit findet gerade ein Wettrennen um die Spitzenposition in Fintech statt. Warum dies der Fall ist, weiss man nicht so genau. Denn weltweit findet derzeit auch ein Wettrennen um die Regulierung der Finanzplätze und der Finanzflüsse statt. Das führt zum Paradox: Die meisten Länder versuchen, Fintech von Anfang an mit der Regulierung wachsen zu lassen. D.h. praktisch überall haben sich Kollusionen von Fintech-Unternehmern, Regulatoren und Politik gebildet.

Die Verbindung von Fintech, Reglementierung und staatlicher Subventionierung ist problematisch und wenig erfolgsversprechend. Dagegen zeigen die Beispiele USA und Taiwan: Wenig Reglementierung, eine allgemeine Technologiefreundlichkeit und ein leichter Zugang zu Wagniskapital sind zentrale Erfolgsfaktoren.

Die Verbindung von Fintech, Reglementierung und staatlicher Subventionierung ist problematisch und wenig erfolgsversprechend. Dagegen zeigen die Beispiele USA und Taiwan: Wenig Reglementierung, eine allgemeine Technologiefreundlichkeit und ein leichter Zugang zu Wagniskapital sind zentrale Erfolgsfaktoren.

Die so Kooperierenden betonen immer wieder, dass die Lösung für alle gut sei. Die Politik freut sich ob der innovativen Kraft; die Regulatoren freuen sich ob der Flexibilität, die sie selber zeigen; und die Fintech-Anbieter freuen sich ob der staatlichen Hilfe und ob der Legitimierung, die sie zu erhalten sich wähnen, weil sie von Anfang an reguliert sind.

Doch diese Kollusion birgt Probleme. Denn diese staatlich aufgezogenen Fintechs sind selten erfolgreich. Zum Beispiel in Grossbritannien oder Singapur, wo Fintechs zunächst in «Sandboxen» den Markt testen, schaffen sie den Sprung aus der Box praktisch nie. In Österreich und Deutschland, wo Fintechs direkte und indirekte Sunbventionen erhalten, überlebt kaum eine Firma ihr drittes Jahr. Entweder machen sie zu oder sie werden durch ein bestehendes Grossunternehmen gekauft – womit der Staat praktisch Grossunternehmen subventioniert. In der Schweiz und in Hong Kong zeigen sich die angekündigten regulatorischen Begleitmassnahmen als eher abschreckend für Investoren.

Erfolgsfaktoren für Fintech

Gemessen an der Nachhaltigkeit von Fintech scheinen die USA nicht alles falsch zu machen. Vermutlich hat dieses gute Abschneiden jedoch etwas mit der Grösse des Finanzmarktes, mit der allgemeinen Technologie­freundlichkeit und mit der kulturellen Tradition des «Venture-Capitalism» zu tun. Aber auch Taiwan schneidet gut ab. Über die Hälfte der – zugegeben: wenigen – Unternehmen, die auf Fintech setzen, sind damit erfolgreich. Erfolgreich bedeutet, dass das Modell skaliert wird, länger als fünf Jahre im Markt bleibt und Gewinne abwirft.

Interessanter Weise sind gerade die USA und Taiwan jene Länder, die regulatorisch am wenigsten für Fintech tun. Beide sind hochregulierte Märkte, aber in beiden gibt es IT-technische und betriebswirtschaftliche Talente. In beiden Ländern ist es möglich, an Wagniskapital heran­zukommen – ganz ohne Staat. In beiden Ländern wird Technologie allgemein als eine positive Kraft gesehen. Und vor allem: In beiden Ländern werden die Funktionalitäten von Fintech höher gewichtet als deren organisationeller Aufbau und die institutionelle Einbettung.

Was die Schweizer Delegation in Südamerika diesbezüglich lernen will?

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