Tag Archives: Armee

Zur Überarbei­tung zurückgewiesen

18 Okt

Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Seit über zehn Jahren eilt die Schweizer Armee von einer Reform zur nächsten. Meist wird ein neuer Schritt eingeleitet, um gleich wieder die Mängel des vorangehenden auszumerzen. Neuerdings liegt bereits wieder eine Vorlage unter dem Titel «Weiterentwicklung der Armee» (WEA) auf dem Tisch. Vordergründig könnte man dieses Vorgehen vor dem Hintergrund des ständigen Wandels in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik als dynamischer Prozess begreifen. Bei näherem Hinsehen handelt es sich aber vielmehr um ein Drehen im Kreis, um nicht zu sagen einen Stillstand.

Als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft versteht sich der Schweizerische Gewerbeverband sgv auch als staatspolitische Kraft. Sicherheitspolitik versteht er insbesondere als wesentlichen Standortfaktor unseres Landes im internationalen Wettbewerb. Unverändert von grossem Nutzen ist für die Schweizer Wirtschaft – allen Unkenrufen zum Trotz – die Kaderschmiede in Form der Offiziersausbildung. Gerade KMU profitieren in hohem Masse von diesen ausserordentlich Praxis-orientierten Fähigkeiten junger Führungskräfte in ihren Betrieben. Es ist deshalb für den sgv eine Selbstverständlichkeit, den Absolventen regelmässig eine Plattform in unserer Zeitung zu offerieren und ihnen gleichzeitig zu ihrem grossen Erfolg zu gratulieren.

20131022_schweizer-armee_01_w640px

Was vermag vor diesem Hintergrund also am neuen Reformschritt der Schweizer Armee nicht zu überzeugen? Einmal mehr ist im Grundsatz das Vorgehen fragwürdig. Obwohl ein neuer Sicherheits-politischer Bericht ausgearbeitet werden soll, also nicht mehr und nicht weniger als eine neue Strategie, will man auf operativer Ebene bereits das weitere Vorgehen bestimmen. Im Klartext bedeutet dies, dass der WEA der notwendige strategische Boden fehlt.

Die Vorlage fällt aber auch inhaltlich klar durch und der sgv fordert deshalb eine Rückweisung unter erneuter Ausarbeitung entlang folgender Richtlinien:

  • Die Armee muss auf die sicherheitspolitischen und strategischen Lage- und Szenarienbeurteilungen ausgerichtet sein.
  • Die Armee muss integral die Kernkompetenz «Verteidigung» beherrschen – das ist ihr verfas-sungsmässiger Auftrag, und nur dadurch generiert sie einen staatspolitischen Mehrwert. Der Begriff der Verteidigung im Sinne der Abwehr eines militärischen Angriffs muss breiter gefasst werden, gibt es doch heute keine eindeutig identifizierbare rechtliche Schwelle zwischen Krieg und Frieden mehr.
  • Die vom Parlament festgelegten Eckwerte im Finanzrahmen «5 Milliarden» und im Bestand «100 000 Personen» müssen unbedingt eingehalten werden und dürfen unter keinen Umständen unterboten werden; verlangt wird, dass der politische Wille des Parlaments vollumfänglich respektiert wird.
  • Die Leistungen der Armee können nicht über Bestände definiert werden, sondern müssen als erreichte Kompetenzkataloge dargestellt werden – die Einteilung des Personalbestandes folgt den Kompetenzkatalogen.

Abschliessend begrüsst der sgv die Bemühungen, das vollumfängliche «Abverdienen» wieder einzuführen und die Führungsausbildung in der Armee zu stärken. Weiter ist ein flexibles WK-Modell, das im Grundsatz von drei Wochen ausgeht, angebracht. Allerdings ist die Schaffung einer gesonderten Ausbildungsorganisation entschieden abzulehnen. Gefragt ist die bewährte Truppenführung aus einer Hand und nicht die Wiederholung von Fehlentwicklungen aus längst vergessen geglaubten Zeiten.

Weiteführende Informationen:

Medienmitteilung Schweizerischer Gewerbeverband sgv „Weiterentwicklung der Armee: sgv sagt Nein“: http://ow.ly/q3rWI

Die Stärke der Miliz wird angegriffen

21 Aug

Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Warum engagiert sich der sgv als KMU-Verband für die Wehrpflicht und gegen die GSoA-Initiative? Welche Interessen können KMU denn an einer Wehrpflicht haben? Um Missverständnisse zu vermeiden: Die meisten von uns, die Armeedienst leisten, unterstützen die Wehrpflicht – und dies ganz intuitiv. Aber welche Argumente sprechen aus KMU-Sicht für die Wehrpflicht? Es sind zwei Argumente:

Erstens profitieren die KMU von der «Führungsschule Armee». Auch wenn es abgedroschen klingt, es ist eine Tatsache, dass junge Menschen in der Armee die Chance erhalten, erstmals eine Führungsrolle wahrzunehmen. Sie lernen dabei zu planen, zu entscheiden und Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. Sie müssen sich auch der Herausforderung stellen, Menschen zu motivieren, mit ihnen gemeinsam Ziele zu erreichen, klar und präzise zu kommunizieren und einen Führungsrhythmus einzuhalten.

Für die KMU ist diese Ausbildung von Nutzen, weil sie so Mitarbeitende erhalten, die anpacken können. Es gehört eben auch dazu, dass man ab und zu ­Führungsaufgaben im Betrieb wahrnimmt. Je mehr Erfahrung eine junge Person schon in einer Führungsposition gemacht hat, desto besser kann sie sich in den Betrieb einbringen. KMU können sich meist keine teuren Führungsschulungen leisten, sondern müssen auf die Fähigkeiten der Mitarbeitenden bauen.

Das zweite Argument: Der Milizgedanke ist für die Schweiz zentral; mit einer allfälligen Abschaffung der Wehrpflicht wird der Wert der Milizarbeit insgesamt in Frage gestellt. Die Miliz ist dabei keine Besonderheit der Armee, sondern der Grundgedanke, dass der Staat aus seinen Bürgerinnen und Bürgern besteht und deswegen von ihrem Engagement lebt. Die Schweiz ist auf allen Ebenen bürgernah: Unser nationales Parlament ist eine Milizvertretung; kantonale und kommunale Behörden sind selten Vollzeit-Ämter; die meisten Feuerwehren sind freiwillig, die Engagements in den Vereinen und Verbänden ebenso. Kurz: Unser Land lebt von der Miliz auf allen Stufen in vielen Bereichen. Sie macht den Staat flexibler, bürgernäher und letztlich auch günstiger. Sie stärkt die Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.

Schweizer Armee

Schweizer Armee

Fällt das alles nun auseinander, wenn die Wehrpflicht abgeschafft werden ­sollte? Nicht sofort, aber langfristig wird eben diese Stärke angegriffen. Der Staat darf nicht zur Privatdomäne Weniger werden, die unter dem Mantel der «Professionalisierung» eigenen Interessen nachgehen. Das darf weder in der Armee noch in der Politik geschehen.

Die Wehrpflicht ist das Eingangstor zu allen Formen der Miliz und deswegen bekennt sich der sgv als grösster ­Dachverband der Schweizer Wirtschaft zu ihr. Für die KMU bringt sie betriebswirtschaftliche Vorteile, weil sie Führungskräfte ausbildet. Volkswirtschaftlich bringt sie Vorteile, weil sie den Staat günstig, flexibel und bürgernah hält. Deshalb gibt es nur gute Gründe, Nein zur Abschaffung der Wehrpflicht zu sagen.

%d Bloggern gefällt das: