Tag Archives: Höhere Berufsbildung

Titelgebung: Auf dem richtigen Weg?

27 Nov

Christine Davatz, Vizedirektorin Schweizerischer Gewerbeverband sgv

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI schlägt bezüglich des englischen Titels für Abschlüsse der Berufsbildung einen eigenwilligen Weg ein. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv akzeptiert dies nicht und wehrt sich vehement.

Noch im Juli ging der sgv davon aus, dass Bundesrat und das SBFI seine Anliegen zur Stärkung der höheren Berufsbildung ernst nehmen würden. Der Entscheid aus Sicht des Bundes scheint jedoch nun gefällt zu sein. Wenn es nach dem SBFI geht, wird es definitiv keinen «professional Bachelor» und keinen «professional Master» bei den englischen Übersetzungen der Titel in der höheren Berufsbildung geben. Die Berufsverbände sind aber weiterhin für die Bezeichnungen ihrer Berufsabschlüsse verantwortlich. Es stellt sich die Frage: Geht das überhaupt auf, und wird das SBFI wirklich zustimmen, wenn sich ein diplomierter Bäcker-Konditor – in der Umgangssprache wohl immer noch Bäckermeister genannt – plötzlich Master Baker nennen will?

Kein „professional Bachelor“ und kein „professional Master“ bei den englischen Titeln in der höheren Berufsbildung? Das SBFI hat da seine ganz eigenen Ansichten.

Kein „professional Bachelor“ und kein „professional Master“ bei den englischen Titeln in der höheren Berufsbildung? Das SBFI hat da seine ganz eigenen Ansichten.

sgv kämpft für seine Unternehmerinnen und Unternehmer

Als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft vertritt der sgv 250 Verbände und gegen 300 000 Unternehmen. Die Berufsbildung und insbesondere die Stärkung der höheren Berufsbildung gehören zu seinen Kerngeschäften. Das erklärte Ziel des sgv ist es, dass der Wert dieses Bildungswegs endlich anerkannt wird. Dazu gehört auch ein anständiger englischer Titel der Berufsabschlüsse in der höheren Berufsbildung. Der sgv hat von den Unternehmerinnen und Unternehmern den Auftrag, für die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Berufsbildung zu kämpfen, selbst wenn einige Verbandsvertreter dies offenbar nicht gleich sehen.

«Der sgv fordert attraktive englische Titel der Berufsabschlüsse in der Höheren Berufsbildung.»

Der sgv will die höhere Berufsbildung stärken, für Junge und Eltern als Karrieremöglichkeit attraktiv machen und im Ausland den Wert dieses Bildungswegs verdeutlichen. Da unser Bildungssystem ausgesprochen durchlässig ist und beide Wege – der rein schulisch-akademische und der Berufsbildungsweg mit beruflicher Grundbildung und höherer Berufsbildung – gemäss Verfassung gleichwertig sind, soll dies auch bei den englischen Titeln zum Ausdruck kommen.

Das englischsprachige Ausland kennt als höhere Bildungsabschlüsse ohnehin nur diejenigen der akademischen Welt – also Bachelor und Master. Analog zum Hochschulbereich, wo Niveau 6 «Bachelor» und Niveau 7 «Master» bedeuten, kann dies gemäss sgv auch für die englischen Übersetzungen der Titelbezeichnungen in der höheren Berufsbildung übernommen werden.

Es geht nicht darum, die höhere Berufsbildung zu verakademisieren oder die heute geltenden Titel in den drei Amtssprachen abzulösen. Es muss aber das Ziel sein, für den englischsprachigen Raum die Niveaus dieser Abschlüsse klar erkennbar zu machen. Nur so wird die höhere Berufs­bildung auch als eigenständiger Weg gestärkt, denn es braucht dann keinen Wechsel in die akademische Laufbahn, um mit dem gleichen Niveau einen analogen Titel und damit Ansehen zu erlangen. Zudem wird mit den englischen Übersetzungen «Professional Bachelor» oder «Professional Master» den Jugendlichen aufgezeigt, dass sie mit einer Berufslehre und der höheren Berufsbildung gleichwertige Karrierechancen zum gymnasialen Weg haben, was zweifellos auch auf die Eltern wirkt. Mit der Ergänzung Professional (Professional Bachelor oder Professional Master) ist auch die Abgrenzung zu den Hochschulabschlüssen deutlich gemacht.


DAS FORDERT DER SGV

Verbundpartnerschaftlich klären

  • dass die Inkraftsetzung der vorgeschlagenen Empfehlung bezüglich der englischen Titelbezeichnungen zurückgestellt wird;
  • dass sämtliche offenen Fragen (z.B. die Umsetzung der «Zertifizierung» durch die Trägerschaften, Verbindlichkeit der englischen Übersetzungen, Bezeichnung der HF-Abschlüsse oder Abstimmung bezgl. Diplomanerkennung) vorgängig verbund­partner­schaftlich geklärt werden und auch Berufsbildungsexperten und -expertinnen aus dem deutschsprachigen Ausland beizuziehen sind;
  • dass umgehend eine Zusammenführung der beiden Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR-BB und NQR-HS) angegangen wird. Nur ein einziger Qualifikationsrahmen für das gesamte Bildungssystem ist europakompatibel und macht unser Bildungssystem für die übrigen Länder verständlich.

RANDNOTIZ

Eigenwillige Zwängerei des SBFI

Auch Einwände von englischsprachigen Übersetzungsprofis wurden vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI nicht zur Kenntnis genommen. Mit wenigen Worten wurden sie als altbacken und frech abgetan und ihr Gegenvorschlag zur wenig schmeichelhaften Abkürzung PET (Professional Education and Training für Titel der höheren Berufsbildung) oder für das jetzt vom SBFI favorisierte «Diploma of Higher Education» einfach in der Schublade versteckt. Wieso wohl? Weil der Gegenvorschlag genau dem entsprach, was der sgv immer wollte: professional Bachelor’s degree (für Abschlüsse der HBB auf dem NQR-Niveau 6) und professional Master’s degree (für NQR-Niveau 7).

LINK

Vernehmlassungsantwort sgv „Englische Titelbezeichnungen für Abschlüsse der Berufsbildung“ (PDF)

Konsequent, hartnäckig und erfolgreich

19 Dez

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv

In seinem Selbstverständnis übernimmt der Schweizerische Gewerbeverband sgv die führende Rolle bei der Formulierung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige und wachstumsorientierte schweizerische KMU-Wirtschaft. Mit Blick auf das zu Ende gehende Jahr 2012 lassen sich die Aktivitäten des sgv an Hand von drei Highlights mit folgenden Stichworten charakterisieren: konsequent, hartnäckig, erfolgreich.

Der sgv ist konsequent: NEIN zum Raumplanungsbefehl aus Bern am kommenden 3. März 2013!
Erfolgreiches Referendum gegen das missratene Raumplanungsgesetz RPG: Die RPG-Revision will die Bauzonen begrenzen. Nur für den «voraussichtlichen Bedarf für 15 Jahre» darf eingezont werden. Diese künstliche Verknappung des Baulands heizt die Bodenpreise an. Ein Anstieg der Landpreise bedeutet auch höhere Mietkosten. Die Mieten werden weiter massiv steigen. In städtischen Gebieten und Agglomerationen, aber auch in touristischen Gegenden sind viele Wohnungen für Familien und den Mittelstand bereits heute nicht mehr bezahlbar. Diese Entwicklung würde sich mit dem neuen RPG zusätzlich verschärfen.

Der sgv ist hartnäckig: JA zu einer verstärkten finanziellen Unterstützung der Höheren Berufsbildung.
Fast 20 Jahre steht der sgv im Kampf für die Höhere Berufsbildung, d. h. die Berufs- und Höheren Fachprüfungen sowie die Höheren Fachschulen. Aus diesen Absolventen rekrutieren viele KMU in den verschiedensten Branchen die unverzichtbaren Fachkräfte, die sich oftmals zu erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmern weiterentwickeln.

Dieses Potenzial ist geradezu Voraussetzung, damit die KMU ihre Funktion als Rückgrat der Volkswirtschaft wahrnehmen können. Gerne stimmt auch der Bundesrat in dieses Lied mit ein. Zumindest solange es nichts kostet. Geht es aber um die längst fällige und dringend notwendige Finanzierung insbesondere der Vorbereitungskurse, ist zuständigen Orts Schweigen angesagt. Mit der Absage des Bundesrates an eine organisatorische und verstärkte finanzielle Besserstellung der Höheren Berufsbildung bringt die Exekutive in erster Linie ihren fehlenden Respekt gegenüber diesen Top-Berufsleuten zum Ausdruck.

Dass konsequente Haltung und Hartnäckigkeit schliesslich erfolgreich sind, zeigte sich in der Ablehnung des Präventionsgesetzes durch das Parlament im September. Mit der Ablehnung des Präventionsgesetzes wurden die echt schweizerischen Werte wie Freiheit und Eigenverantwortung sowie das Subsidiaritätsprinzip und der Föderalismus höher gewichtet als Verbote, Einschränkungen und eine Stärkung des Zentralstaates.

Der sgv wird weiterhin wachsam bleiben und Initiativen aus der Feder des Bundesamtes für Gesundheit, immer mehr Lebensbereiche von der Wiege bis zur Bahre staatlich zu regeln, mit Entschiedenheit bekämpfen. Volk und Stände haben mit der deutlichen Ablehnung der Initiative «Schutz vor Passivrauchen» diesbezüglich ein klares Signal gegen die zunehmende staatliche Bevormundung des Volkes und der KMU sowie Eingriffen in die Privatsphäre gesetzt.

Der sgv ist erfolgreich: Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat und die KMU-Wirtschaft ist unsere Mission.

Fragen, nichts als Fragen…

4 Dez

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Gerade mal zwei Wochen ist es her, seit ich kritisch auf die verfehlte Thematik der Lehrstellenkonferenz des Bundes hingewiesen habe. Lieber wird über Deindustrialisierung im Lehrlingswesen diskutiert (was versteht man überhaupt darunter?), als sich den wirklich drängenden Problemen zuzuwenden. Dringend ist allerdings die seit zehn Jahren ungelöste Finanzierung der Höheren Berufsbildung HBB.

Mit der Organisation des neuen Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hätte sich eine ausgezeichnete Chance geboten, um vergangene Probleme auf die Seite zu legen und auf einer neuen Vertrauensbasis aufzubauen. Der sgv ist dafür unverändert bereit – bekanntlich braucht es aber immer beide Seiten. Ebenso dezidiert verlangt der sgv gleichzeitig die Respektierung der Bedürfnisse unserer Top-Berufsleute aus der Höheren Berufsbildung.

Politisch bedeutet dies zunächst, auch im EVD zur Kenntnis zu nehmen, dass gemäss Definition der Erziehungsdirektorenkonferenz die HBB, d.h. Höhere Fachschulen sowie Berufs- und Höhere Fachprüfungen, zusammen mit Fachhochschulen und Universitäten integral als Tertiärstufe gelten. Sodann sieht unsere Bundesverfassung in Artikel 61a, Absatz 3 vor, dass sich Bund und Kantone bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dafür einsetzen, allgemeinbildende und berufsbezogene Bildungswege als gleichwertig zu behandeln.

Da stellt sich doch mit Verlaub die Frage an den Bundesrat, weshalb diese Logik in der Organisation des neuen Bildungsdepartementes nicht übernommen werden soll? Wie will der Bundesrat den Eindruck korrigieren, wonach mit der Untergewichtung der HBB in der Organisation des Bildungsdepartementes unsere Top-Berufsleute im Stich gelassen werden? Und wir sprechen hier immerhin von Abschlüssen wie Marketingleiterin, Wirtschaftsprüfer, Baumeister, Steuerexpertin, Schreinermeister, Treuhänder, etc. etc. – die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Laut Aussagen des Bundesrates soll der organisatorische Stellenwert der HBB im neuen Bildungsdepartment noch geklärt werden. Auch mit nur wenig unternehmerischem Denkvermögen ist klar, dass ständige Reorganisationen in einem Betrieb Gift sind und – namentlich nach einer Fusion – zu unnötiger Unruhe unter dem Personal führen. Welche Nachteile sind mit Blick auf das Personal aus einer späteren Reorganisation zu erwarten und welche Kostenfolgen werden dafür veranschlagt?

Eigentlich müsste es zu denken geben, wenn sich der Präsident der Dachgewerkschaft Travailsuisse, Martin Flügel, im «Sonntags-Blick» mit den Worten zitieren lässt, die HBB sei «die entscheidende Karrieremöglichkeit für alle, die eine Lehre machen. Sie bietet den jungen Leuten genauso gute Perspektiven wie ein Studium», um dann mit dem Vorwurf an die Adresse des Bundesrates mit «mangelndem Respekt gegenüber der HBB» fortzufahren. Wenn sich zwei politisch so unterschiedliche Lager wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Dachverbände in einer Sache so einig sind, dann sollte die Erkenntnis reifen, dass an dieser Sache wohl etwas dran ist…

Letztlich stellt sich die Frage, ob sich der Bundesrat bewusst ist, dass er mit der krassen Unterbewertung der HBB im neuen Bildungsdepartement langfristig riskiert, einen für die KMU-Wirtschaft unerlässlichen Bildungsweg aufzugeben? Dadurch würde ein wichtiger Standortvorteil unseres Landes verspielt. Das dürfte wohl kaum die Absicht sein, aber für einmal gilt – um es in den Worten des Philosophen Friedrich Hegel auszudrücken: «Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.»

Die Geister, die ich rief…

22 Nov

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Und wieder einmal geistert es herum und macht die Runde. Die Rede ist vom Gespenst der Deindustrialisierung. Heute soll es aus Anlass der Lehrstellenkonferenz des Bundes in Martigny diskutiert werden. Dabei wird der Anspruch erhoben, dass man gestützt auf eine rudimentäre Diskussion – es stehen gerade mal zwei Stunden zur Verfügung – Massnahmen beschliessen will, um «Unternehmen aller Branchen bedarfsgerecht mit geeigneten Fachkräften zu versorgen».

Mit Blick auf die Zahlen reibt man sich verwundert die Augen: In den 1970-er Jahren existierten ungefähr 90 000 Betriebe mit 1,8 Millionen Beschäftigten im industriellen Sektor. Diese Zahl reduzierte sich bis 2005 drastisch auf etwa 70 000 Unternehmen mit 900 000 Beschäftigten. Heute existieren im 2. Sektor etwa 75 000 Betriebe mit 1,1 Millionen Beschäftigten. Ein Drittel des Schweizer Bruttoinlandprodukts stammt überdies aus der Industrie und dem verarbeitenden Gewerbe, man könnte fast von einer Reindustrialisierung sprechen.

Zum gleichen – vielleicht überraschenden – Befund kommen Zahlen des World Economic Forum in seinem Global Competitiveness Report. Mit 100 Milliarden Dollar Industrieproduktion (2010) figuriert die Schweiz nur an 19. Stelle. Bei dieser Wertung führt China als «Werkbank der Welt». Ein anderes Bild zeigt sich bei der Industrieproduktion pro Kopf. China mit seinen 1,3 Milliarden Menschen erzielt pro Einwohner nur 1500 Dollar in der Industrie. Von den anderen führenden Industrienationen erarbeiten Deutschland mit 7700 das Fünffache und die USA mit 6000 Dollar das Vierfache; sogar das vermeintlich desindustrialisierte Grossbritannien, die Wiege der Industriellen Revolution, erreicht mit 4000 Dollar immer noch fast das Dreifache der Chinesen. An der Spitze dieser Wertung steht mit grossem Abstand die Schweiz: Mit 12 400 Dollar pro Kopf schafft sie in der Industrie achtmal so viel Wert wie die Chinesen und doppelt so viel wie die USA.

Zurück zur Berufsbildung. Es muss die Frage gestellt werden, ob zuständigen Ortes die Zeichen der Zeit erkannt woden sind und die Deindustrialisierung tatsächlich ein Problem darstellt. Zunächst drängt sich heute zwingend eine Gesamtsicht für das bildungspolitische System auf – und da lässt sich die Grundbildung nicht mehr von der Höheren Berufsbildung HBB trennen. Seit zehn Jahren drückt die ungelöste Finanzierung der HBB die KMU-Wirtschaft. Der Stellenwert der HBB wird völlig verkannt und es fehlt offenbar der politische Wille zur Verbesserung.

Schon vor drei Jahren hat der sgv angeregt, dass diese Thematik an der Lehrstellenkonferenz diskutiert wird. Begnügt hat man sich damals mit einer Problemschilderung zum Qualifikationsrahmen «Grundbildung und berufliche Weiterbildung im internationalen Quervergleich»… Auch wenn die Beamten der Avenir Suisse jede Studie dazu missbrauchen, um die ihnen missliebige Berufsbildung anzuschwärzen wie jüngst in der Untersuchung zum Mittelstand, so ist doch eines klar: Die KMU sind und bleiben das Rückgrat der Volkswirtschaft. Dank dieser Leistungskraft garantieren sie zwei Drittel der Arbeitsplätze und rund 70 Prozent aller Lehrstellen in der Schweiz. Dazu sind sie aber auf Fachkräfte angewiesen, die ihr solides Know-how vornehmlich auf eine qualifizierte Berufsbildung mit anschliessender Höherer Berufsbildung abstützen. Deshalb kämpft der sgv auch weiterhin dezidiert für eine verstärkte Finanzierung.

Theorie und Praxis

21 Nov

Von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv

Der Berufsbildungsbericht des sgv, der vom Gewerbekongress in Lugano 2010 einstimmig verabschiedet wurde, macht es klar: Bildungspolitik ist Kerngeschäft des grössten Dachverbandes der Schweizer Wirtschaft zusammen mit den angeschlossenen kantonalen Geweberverbänden und den rund 225 Berufsverbänden.

Weiter stellt der Bericht fest, dass die Erhaltung des dualen Berufsbildungssystems mit den Weiterbildungsmöglichkeiten in der praxisorientierten Höheren Berufsbildung und den Fachhochschulen im Vordergrund stehen muss. Spezielles Gewicht legt der sgv auf die Umsetzung des verfassungsmässigen Anspruchs auf Anerkennung der Gleichwertigkeit der verschiedenen Bildungswege. Das bedeutet insbesondere die Gleichbehandlung von akademischer und beruflicher Weiterbildung und daraus folgend der Realisierungsschritte in der Praxis.

Dabei legt der sgv sein Augenmerk auf die Betrachtung des Gesamtsystems. Folgerichtig hat er deshalb von der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz EDK verlangt, dass in einem zukünftigen Lehrstellen-Commitment zwingend auch Verpflichtungen der EDK zur Frage der Höheren Berufsbildung eingegangen werden müssen, namentlich auch hinsichtlich einer gleichwertigen Finanzierung im Vergleich zum akademischen Bildungsweg. Es entspricht grauer Theorie, wenn man heute noch davon ausgeht, Jugendliche würden sich nicht schon zum Zeitpunkt ihrer Lehrstellenwahl nicht auch Gedanken über ihre Weiterbildungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Chancen machen. Die Frage, ob sich gut qualifizierte Jugendliche für eine Lehrstelle finden lassen, hängt somit direkt von der Attraktivität der Höheren Berufsbildung ab und entscheidet damit auch, ob ein Ziel von 95 Prozent erfolgreichen Lehrabschlüssen realistischerweise erreicht werden kann.

Diese Stossrichtung ist umso wichtiger, als der theoretische Think Tank Avenir Suisse in beamtenhafter Manier unablässig sein Mantra verkündet, die Berufslehre dürfe nicht verabsolutiert werden. In der KGV-Zeitschrift «Zürcher Wirtschaft» standen so intellektuell gestelzte Verkündigungen wie «Avenir Suisse denkt die Berufslehre weiter» oder die «Lehre muss weiterentwickelt werden». Selbstverständlich fehlt auch der Ruf nach einem «dualen Studium» und einer «Lehre auf Tertiärniveau» nicht, womit einmal mehr die elitären Forderungen der Akademien der Wissenschaften aufgewärmt werden.

Wer die Praxis in den Berufsverbänden kennt, der weiss, dass sich an Bildungspolitik interessierte Unternehmerinnen und Unternehmer seit Jahr und Tag für die Weiterentwicklung «ihres» Berufsnachwuchses milizmässig – also fernab von grossen Entschädigungen – einsetzen. Nicht Theorie und Studien sind da gefragt, sondern das Ausrichten der Berufsbilder einer Branche auf die Bedürfnisse des entsprechenden Arbeitsmarktes in der Praxis. Genau diese Praxis spiegelt sich aber auch neben den grossen bildungspolitischen Würfen. So bedeutet Gleichbehandlung von beruflicher und akademischer Bildung auch, dass die SBB nicht nur Studierenden an Universitäten, Fachhochschulen und Höheren Fachschulen eine Vergünstigung ermöglichen, sondern auch jungen Berufsleuten, die sich auf eine Berufsprüfung oder Höhere Fachprüfung vorbereiten und deswegen pendeln müssen. Der sgv unterstützt deshalb einen Vorstoss von SP-Nationalrat Jacques-André Maire, ehemaliger Berufsbildungsamtschef des Kantons Neuenburg, der im Frühling dieses Jahres das Anliegen aufgenommen hat. Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur hat zugestimmt, zeigt damit Praxisbezug und hebt sich von theoretischen Schöngeistern wohltuend ab. Immerhin schliessen jährlich gleich viele Personen eine berufliche Weiterbildung ab, wie Studierende einen Hochschulabschluss erlangen.

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